Walter Bernhardt, 1942 in Wien geboren, wuchs mit kleinbürgerlicher Geigenstundenerziehung auf und absolvierte eine kaufmännische Lehre zum Industriekaufmann. Irgendwann stieg er aus dieser Laufbahn aus, hielt sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser und begann 1972 autodidaktisch zu fotografieren.
In den folgenden Jahren widmete er sich intensiv der Fotografie als künstlerischem Ausdrucksmittel, besonders interessierten ihn dabei jene Facetten Wiens, die abseits des öffentlichen Interesses lagen: Hinterhöfe, Friedhöfe, Mauergedichte und andere stille Orte der Stadt.
Sein fotografisches Debüt gab er mit eben diesen „Mauergedichten", stimmungsvollen Aufnahmen von Kritzeleien, verwittertem Mauerputz und den Spuren von Zeit und Menschenhand im Wiener Stadtbild.
Auf seinen Streifzügen durch Wien entdeckte er schließlich den St. Marxer Friedhof. Ein Ort, der ihn nicht mehr losließ. Der Kritiker Otto Breicha, der Bernhardts Werk bereits in den 1970er-Jahren begleitete, bezeichnete ihn als den „erklärten Lyriker unter den österreichischen Fotografen" und beschrieb ihn an anderer Stelle als „den Nostalgiker unter den österreichischen Fotografen seiner Generation". Einen Fotografen, den Abbruchhäuser, verwitterte Oberflächen und die leisen Spuren des Vergehens anzogen.
Der St. Marxer Friedhof bot dafür den idealen Schauplatz. Der einzige erhaltene Kommunalfriedhof aus dem Wiener Vormärz, von 1784 bis 1874 in Benützung, letzte Ruhestätte Mozarts und des Nähmaschinen-Erfinders Madersperger und dank des Einsatzes von Hans Pemmer bis heute als außergewöhnliche Mischung aus Gräberstätte und Parkanlage, als eine Art Freilichtmuseum verfallender Totendenkmäler erhalten geblieben.
Bernhardts Arbeiten fanden schon zu ihrer Entstehungszeit Beachtung: 1974 lud ihn Otto Breicha zur Ausstellungsreihe "Kreative Fotografie in Österreich" ein, die in Bregenz, Graz und Wien gezeigt wurde. Im selben Jahr wurde er beim Fotowettbewerb "Wien – gesehen " in der künstlerischen Fotografie der Zentralsparkasse Wien mit dem 1. Preis ausgezeichnet, und seine Arbeiten erschienen im Spectrum, dem Kulturteil der Presse.
Die Literaturzeitschrift Protokolle veröffentlichte mehrere seiner Foto-Essays (Ausgaben 1/75, 2/77 und 2/79) ,darunter auch die hier gezeigte Serie zum St. Marxer Friedhof. 1975 folgte die Ausstellung Bregenz sehen in Bregenz und Graz, 1977 die Schau Fragmente in der Ganggalerie im Grazer Rathaus. Eine späte, aber gewichtige Würdigung erfuhr sein Werk 1989 durch die Aufnahme in den Sammelband Österreichische Fotografie seit 1945 (Pustet Verlag), herausgegeben von Margit Zuckriegl und Otto Breicha.
Nach dem Umzug mit seiner Frau Anneliese nach Oberösterreich wandte sich Bernhardt zunächst kurz der Naturfotografie zu, den Ergebnissen daraus steht er bis heute kritisch gegenüber. Sein künstlerisches Selbstverständnis blieb stets das eines autodidaktischen Stadtfotografen, einer Position, die man heute wohl der Streetfotografie zuordnen würde. Später wandte er sich ganz der Keramik zu, die ihm mehr Raum für dreidimensionales Gestalten bot, und die Fotografie geriet in den Hintergrund.
Umso überraschender kam für ihn Jahrzehnte später die Möglichkeit in der Tummelplatz Galerie, eine Auswahl seiner Fotografien zu zeigen. Es folgte eine Entdeckungsreise durch rund 3.000 Negative im Klein- und Mittelformat. Viele davon hatte Bernhardt selbst längst vergessen. Herbert Köppel und Wilhelm Camerloher kuratierten daraus eine vielschichtige Retrospektive, die vom 3. bis 31. Juli 2025 in der Tummelplatz Galerie zu sehen war; die über 50 Jahre alten Negative wurden dafür digitalisiert und behutsam nachbearbeitet.
Während jene Ausstellung 2025 einen Querschnitt durch das digitalisierte Gesamtwerk zeigte, konzentriert sich die aktuelle Ausstellung nun erstmals auf die originalen Vintage Prints der St.-Marx-Serie.Abzüge, die Bernhardt selbst in den 1970er-Jahren angefertigt hat.
Alle in der Ausstellung gezeigten Werke sind Vintage Prints. Walter Bernhardt hat sie in den 1970er-Jahren eigenhändig abgezogen, in einer eigens von der Stadt Wien angemieteten Waschküche, die ihm als Dunkelkammer diente. Jeder Abzug trägt damit nicht nur das fotografische Bild, sondern auch die unmittelbare, physische Spur seiner Entstehungszeit.
Von der eigenen Hand des Fotografen, in seinem eigenen Labor, kurz nach der Aufnahme belichtet und entwickelt. Das macht diese Prints zu einzigartigen, nicht reproduzierbaren Zeitzeugnissen. Keine späteren Nachvergrößerungen, sondern Originale aus der Entstehungszeit selbst.
Am Donnerstag, 20. August, 14:0 Uhr, spricht Walter Bernhardt selbst mit interessierten Besucher:Innen über seine Arbeit am St. Marxer Friedhof, die Entstehung der Serie und die Bedingungen, unter denen die gezeigten Prints in seiner improvisierten Dunkelkammer in Wien entstanden.
Eine Anmeldung zum Artist Talk mit Walter Bernhard ist erforderlich. Eintritt € 10,- pro Person.
VERNISSAGE
Do 06.08.26 19 Uhr
ERÖFFNUNGSTAGE
Fr 07.08.26 15-18 Uhr
Sa 08.08.26 13-18 Uhr
ARTIST TALK
20.08.26 14:30 Uhr
Anmeldung erforderlich
€ 10,- Eintritt pro Person
AUSSTELLUNG
06.08.26 - 03.09.26
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